Therapiekonzepte - Neurokognitive Rehabilitation

Ein geeignetes Konzept für Menschen mit Erkrankungen des Zentralen Nervensystems, wie Schlaganfall, Multiple Sklerose, Parkinson, chronischen Schmerzen wie CRPS, aber auch für Menschen mit langwierigen peripheren Nervenproblemen wie z.B. Fazialisparese, Bandscheibenvorfällen und Karpaltunnelsyndrom.

Geschichtliche Entwicklung

Bereits in den 70er Jahren begann der italienische Neurologe und Rehabilitationsarzt Prof. C. Perfetti sich mit der Neurorehabilitation auseinander zu setzen.
In seinen ersten Beobachtungen stellte er fest: Wenn man Patienten an der betroffenen Hand taktile Reize gibt und eine Frage zu der Beschaffenheit des Reizes stellt, wird die Hand weich und der vorhandene Hypertonus lässt nach.


In den darauffolgenden Jahrzehnten und bis heute wurde das Konzept weiterentwickelt und jedes Jahr werden weitere Zusammenhänge erkannt, wie unser Gehirn Bewegungen bei uns plant und hervorruft.

Das intakte Gehirn

Im Laufe unserer ersten Lebensjahre lernt unser Gehirn durch Probieren, Vergleichen, Abschauen und Nachmachen, unseren Körper zu bewegen. Wir lernen multimodal alle unsere Wahrnehmungsbereiche miteinander zu verknüpfen und erlernen motorische Geschicklichkeit. 

Zusätzlich geht, von außen nicht sichtbar, jeder Bewegung ein komplexer Planungsprozess voraus.


Bevor unsere Hand auch nur anfängt, sich zum Glas zu bewegen, braucht das Gehirn eine Idee, was es überhaupt mit dem Glas tun will. Mit Wasser füllen? In den Schrank stellen? Weitergeben? 
 
Auch die Frage, wie weit das Objekt von mir entfernt ist, muss sich unser Gehirn vorher stellen. Reicht die Länge meines Armes? Muss ich aufstehen? Mich nach vorne beugen? 
 
Was für ein Bild der äußeren Form erhält unser Gehirn von dem Objekt? Bei einem Bierkrug wird unser Gehirn den Arm und die Hand anders zu diesem bewegen, als zu einem Sektglas. 

 

Ob der Gegenstand aus Glas oder Porzellan, die Oberfläche feucht oder trocken, gerieft oder glatt ist, bestimmt die Idee des Reibungswiderstandes und dadurch die Dosierung des Kontaktes der Finger am Glas.

 

Diese unbewusste Planung funktioniert bei Menschen mit intaktem Gehirn automatisiert und führt zu einem natürlichem Bewegungsablauf.

Das beeinträchtigte Gehirn

Bei Patienten mit Schlaganfall, Multiples Sklerose, Parkinson, Schädelhirntrauma, orthopädische Langzeiterkrankungen und chronischen Schmerzen führt die Erkrankung zu einer Veränderung der Wahrnehmungsleistungen des Gehirns. 

 

Menschen, welche eine solche Einschränkung haben, erkennt man an motorischen Ungeschicklichkeiten bis hin zu einem vollkommenen Funktionsverlust von Körperteilen.

Je mehr Wahrnehmungsbereiche des Gehirns für eine Handlung nicht mehr zusammenarbeiten, desto unharmonischer wird die von außen gesehene Bewegung.


Die Veränderung der Wahrnehmungsleistung des Gehirns führt unter anderem zu Fehleinschätzungen der Oberflächenstruktur. Es erfolgen motorische Planungsfehler, welche dazu führen, dass das Objekt aus der Hand rutscht oder die Finger dieses mit zu viel Kraft halten. Das Bewegen wird schwer, steif und kräftezehrend.

Die Therapie

Die neurokognitive Rehabilitation unterscheidet sich grundlegend von anderen Konzepten.

 

Im Laufe der Therapie lernt der Patient unter Anleitung des Therapeuten seine Aufmerksamkeit auf wesentliche Aspekte der Bewegung zu lenken. Dieses aktive „hindenken“ und „hinspüren“ ermöglicht dem Patienten wieder „Besitzer“ seines eigenen Körpers zu werden, ohne das manuelle Zutun des Therapeuten. Der bewusste Vergleich zwischen dem, was der Patient in der Übung gespürt hat und der Erinnerung seiner früheren, normalen Bewegung ist bedeutend für die Reorganisation des Gehirns.

Bei anderen Therapien arbeitet der Therapeut an Hand, Bein oder Rumpf. Der Patient selbst ist dabei weder mit seiner Aufmerksamkeit, noch mit vergleichenden Lernprozessen beteiligt, obwohl z.B. durch den Schlaganfall nicht der Muskel einen Schaden erlitten hat, sondern das Gehirn.

 

Die Neurokognitive Rehabilitation stellt einen aufbauenden Lernprozess dar, bei dem der Therapeut nicht nur die Wahrnehmung und die Aufmerksamkeit des Patienten beachtet, sondern auch dessen persönliche Interessen, seine Charaktereigenschaften und seine Lebenserfahrungen. Unabhängig vom Schweregrad der Erkrankung gibt die Neurokognitive Rehabilitation dem Patienten die Möglichkeit, sein Gehirn besser zu verstehen und durch Aufmerksamkeitssteuerung in den passenden Wahrnehmungsbereich wieder Zugang zu Bewegungen zu finden, die vorher „einfach nicht gelingen wollten“.
 
Mehr Informationen unter: 


https://riabilitazioneneurocognitiva.it/